
Von Hugo Bigi 21:59 Uhr
Verkehrte Welt? Jahrelang hatten uns Medienforscher eingetrichtert, dass häufiger Fernsehkonsum für unsere Kinder schädlich wäre, sie dick (die Mädchen) und gewalttätig (die Buben) mache, unerbärmlich in die Fantasiewelt der Kids eindringe und diese gnadenlos zerstöre. Wer sich jedoch mit den moralischen Kassandrarufen (moral panics) populistischer Medienkritiker kritisch auseinander setzte, der wurde durchaus mit differenzierteren Ansichten und Argumenten bedient. Fakt ist, dass weder populistische Theorien noch akademische Forschung bisher genügend empirisch erarbeitete Beweise liefern können, dass bei Kindern im Vergleich mit Erwachsenen eine grössere Anfälligkeit und Empfindlichkeit für Gewalt im Fernsehen - und folglich eine Bereitschaft zu dessen Nachahmung - vorherrscht. Dass sich rauffreudige Buben schon vermöbelten, bevor das Fernsehen laufen lernte, kann genauso wenig in Abrede gestellt werden wie die Erkenntnis, dass es für Kinder auch heute noch zahlreiche spannendere Beschäftigungen gibt als stundenlang vor der Glotze zu hocken.
Für eine gehörige Portion Öl ins lodernde Feuer der populistischen Medienkritiker dürfte wohl das neue Buch der Medienforscherin Maya Götz sorgen*. Die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen behauptet, dass elektronische Medien und insbesondere das Fernsehen den Kindern helfe, Erfahrungen zu verarbeiten, weil sie für die Fantasie ausgesprochen förderlich seien. Kinder würden also den Alltag nicht in erster Linie mit Fantasien über ihr Büsi oder die Personen in ihren Schulbüchern, sondern mit Hilfe von Medienfiguren (Pokémon-Viecher, Harry Potter etc.) verarbeiten. Götzens Studie will feststellen, dass die Medien (insbesondere die audio-visuellen) zum symbolischen Material gehören, mit dem Kinder von heute ihre Fantasien entwickeln.
Nun gut, aber müssen es denn ausgerechnet diese gruusigen Pokémon-Monster und artverwandten Viecher sein, die als "Steinbruch" für die Fantasien unsere Kinder jetzt auch noch wertvoll sein sollen, werden sich wohl einige Bald-Fünziger fragen? Wir hatten doch Winnetou und Sissi! Imaginisierten wir uns nicht immer wieder in die Rolle des stolzen Apachen, wenn wir jeweils yellend auf dem Velo über den Pausenplatz trampten? Stimmt. Aber wo hatten wir denn diese Gutmenschen her? Waren wir Winnetou etwa auf der Schulreise im Sihlwald begegnet? Sahen wir Sissi mit der Kutsche vor dem Dolder vorfahren, hä?
Nein, wir hatten diese Figuren aus den Medien - die damals noch Bücher und Kino hiessen. Eben.
* Maya Götz (Hrsg.): "Mit Pokémon in Harry Potters Welt. Medien in den Fantasien von Kindern". Kopaed-Verlag, München 2006

Von Hugo Bigi 17:10 Uhr
Vorbei sind die Zeiten, als Informanten (whistle-blowers) bezüglich Publikation ihrer "heissen" Infos letztlich vom Interesse, Wohlwollen oder einfach von der Motivation gesättigter Journalisten abhängig waren. Im Zeitalter des Jekami-Journalismus öffnen sich immer neue Wege - oder Schläuche, um die Schleusen der Wahrheit monopolisierender Nachrichtenwerke zu umgehen.
YouTube - eines der trendigsten Bilder- und Videoportale im Web - ist ein dankbares Reservoir für jegliche Arten von Informationsflüssen. Weil
Michael de Kort, 41, Ingenieur bei Lockheed Martin (einem wichtigen Zulieferer der amerikanische Küstenwache), mit den Anschuldigungen an seinen Arbeitgeber bei allen namhaften US-Medien abgeblitzt war, lud er verzweifelt ein
selbstgebasteltes 10-minütiges Video auf das Portal von
YouTube. Darin behauptet der Mann, dass seine Firma der Küstenwache Patrouillenboote im Wert von 24 Mia Dollar (!) verkauft habe, die bedeutende Sicherheitsmängel aufwiesen. Nun ist es gut zu wissen, dass es tatsächlich schon Journalisten gibt, die Weblogs und andere Kommunikationsmittel auf der täglichen Suche nach Storys berücksichtigen. Und siehe da: die Anschuldigungen unseres Ingenieurs wurden von der
Navy Times entdeckt und publiziert. Schon landete die Whistle-Blower-Story im Blätterwald der seriösen
Washington Post. Seit die
Post am vergangenen Dienstag die Vorwürfe des Ingenieurs publik machte, schnellte die Zuschauerquote des Videos innerhalb von knapp einem Tag von 8000 auf 50'000 hoch. Dank
YouTube und seinem Home-Video hat der Ingenieur doch noch ein öffentliches Ventil für seine Anschuldigungen gefunden. Die etwas andere Moral der Geschicht: nun kennt bald jeder sein Gesicht...

Von Hugo Bigi 11:01 Uhr
Deren mehr oder weniger berühmte Schweizer Rogers gibt es einige: Schawinski, de Weck, Köppel. Aber nur einer ist wirklich Weltklasse und verdientermassen weltberühmt: Federer. Für alle, die den Tennis-Rotscher mehr als nur bewundern, ja vielleicht sogar anbeten, möge eine Hymne in der neusten Ausgabe des Play Magazins der
New York Times herz- und geisterwärmendes Manna sein. Hier wird unser Tennis-Gott vom amerikanischen Autor David Foster Wallace seitenlang als
religiöse Erfahrung gepriesen. Lesenswert!

Von Hugo Bigi 12:29 Uhr
Seit dem Internet und spätestens seit der Lancierung der Social Websites wie MySpace, YouTube etc. sind wir täglich einer unfassbaren Bilderflut ausgesetzt. Nur: welchem Bild, welchen Bildmedien kann man heute noch wirklich trauen? Im Internet wird bekanntlich an digitalen Bildern rumgebastelt, "dökterlet", was die Bits herhalten. Aber nicht nur digitale One-Man-Shows sondern auch sogenannte seriöse Nachrichtenorganisationen greifen in die Trickkiste - was kaum erstaunt. Bildmanipulationen wie sie neulich von einem Reuters-Fotografen in der Kriegsberichterstattung aus dem Libanon vollzogen wurden, sind ein alter Hut. Manipuliert - oder retouchiert, wie man den Akt früher nobler bezeichnete - wurde schon, als der Computer höchstens ein Hirngespinst einiger verwegener akademischer Tüftler war und Photoshop bestenfalls der Laden um die Ecke mit Fotoapparaten bedeutete. Eine kleine Übersicht auf mehr oder weniger bekannte Bildmanipulationen in der Geschichte der Fotografie gibt's zum Beispiel bei CNET News oder auch auf photoshop-weblog.de, wo auch die Bildmanipulation der Blick-Redaktion im November 1997 (Luxor-Attentat) zu zweifelhaften Ehren kommt.
Wer sich für eine kritische Blickweise auf die Fälschungen und Widerlegung der Fälschungen im Internet und für die nicht immer über alle Zweifel erhabene Militanz gewisser Blogger interessiert, der wird unter anderem auf freitag.de fündig.

Von Hugo Bigi 00:20 Uhr
Bad News für Journalisten: Die Suche nach der Wahrheit und deren selektiver Wiedergabe entpuppt sich einmal mehr als ein gefährliches Unterfangen. In den letzten sieben Tagen wurden mindestens acht (!) Journalisten ermordet und zwei weitere gekidnappt - Libanon und Irak nicht eingerechnet.
Am Abend vom 8. August stürmten unbekannte Schwerbewaffnete die Redaktion der grössten Zeitung von Guyana. Die Zeitungsmacher der Kaiatuer News wurden gezwungen, sich auf den Boden zu werfen, worauf die Angreifer das Feuer eröffneten. Sechs Journalisten wurden im Kugelhagel getötet. Das Motiv der Attentäter ist unklar. Das Blutbad passierte mitten in den Vorbereitungen zu den Wahlen im nächsten Monat.
In Kolumbien wurde ein Radiomoderator ermordet. Ein Maskierter überfiel den Radiomann Milton Fabian Sanchez vor dessen Haus und schoss ihm in den Rücken und dreimal ins Gesicht. Sanchez hatte vorher in seinen Sendungen die örtliche Regierung kritisiert. Er ist bereits der zweite Lokalradio-Journalist, der in diesem Jahr in Kolumbien ermordet wurde.
In Mexico wurde der bekannte und erfahrene Journalist Enrique Perea Quintanilla Opfer eines Attentats. Die Polizei fand die Leiche des Herausgebers der Zeitschrift Dos Caras, Una Verdad auf einer Strasse im Staate Chihuaha nahe der texanischen Grenze. Wie ein Polizeisprecher erklärte, deutet die Tat auf ein organisiertes Verbrechen hin. Perea Quintanilla hatte während den letzen Monaten einige kritische Artikel über korrupte Regierungsbeamte und ungelöste Morde veröffentlicht.
In Brasilien wurden zwei Mitarbeiter des führenden Fernsehkonzerns Globo TV gekidnappt. Guilherme Portanova und Alexandre Calado assen gerade Frühstück in einer Bäckerei in Sao Paulo, als sie von zwei Maskierten gekidnappt wurden. Von den beiden Fernsehmännern fehlt bis heute jede Spur.

Von Hugo Bigi 23:30 Uhr
Spielverzögerung einmal mehr im Zürcher Stadionbau. Der
Rechtsstreit um das Stadion Zürich geht in die nächste Verlängerung. Sechs (6!) Bewohner der Bernoulli-Häuser ziehen den positiven Bau-Entscheid des Regierungsrats ans Verwaltungsgericht weiter. Gegenstand der Spielverzögerung sei einerseits der Schatten, den das geplante Stadion auf die Bernoulli-Häuser werfe (also zurzeit des kargen Sonnenscheins wäre das ja eher nicht der Fall), andererseits die Gesamtwirkung des Projekts aufs Quartier. Man kann den Spielball drehen wie man will: aus dem Hardturm wird in der Tat ein
Hart-Turm. Warum das ganze Geknorze nicht einfach abpfeifen? Für Kosmopoliten, zu denen sich der Verfasser dieses Blogs zählt, ist das Hickhack um den Zürcher Stadionbau sowieso eine nicht nachvollziehbare Seldwyla-Burleske. In Nord-London wurde vor wenigen Wochen das neue Stadion für den Champions-League-Finalisten
Arsenal fertiggestellt - ein multifunktionaler Prachtsbau, der zwar auch da und dort Schatten wirft, aber letztlich der ganzen Region nordöstlich des City Centre der grössten und weltoffensten Stadt Europas einen neuen Glanz verleiht - und dies nicht nur in Fussballkreisen. In Downtown Switzerland sind solche zukunftsgerichteten Projekte (sogar in Miniaturausgabe) offensichtlich unrealisierbar. Das ganze Prozedere wirkt mittlerweile so provinziell, dass nur noch ein letzter Ausweg bleibt: die effektive Verlegung in die Provinz. Was den Rolling Stones und ihrem Monsterkonzert vom letzten Samstag recht war, soll den Tschütteler von GC und FCZ nur billig sein. Das Gute ist: weder die Hoppers noch der FCZ werden jeweils nur schon halb so viele Zuschauer wie die Old Boys aus England zum Happening auf das Dübi-Areal locken. Der Dezibelwert (sogar der der FCZ-Südkurve) wird dem Donner der Stones-Boxen käumlich die Stange halten. And last but not least: für die Sicherheit rund ums Stadion ist dank dem ehedem präsenten Militär garantiert. Was das geplante Einkaufszentrum der CS betrifft - warum soll es in Dübendorf nicht auch GLATT sein?

Von Hugo Bigi 00:34 Uhr
Die Wahrheit stirbt zuerst. Leider gilt diese medienkritische Erkenntnis auch für die aktuelle Kriegsberichterstattung aus dem Libanon. Bekannt ist, dass schon bei früheren Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und palästinensischen Aktivisten immer wieder mal Bilder und Filmaufnahmen von inszenierten und manipulierten Szenen als wahres Abbild der kriegerischen Aktivitäten verbreitet und verkauft wurden. Diese professionell organisierten Inszenierungen, mit dem Ziel, die israelischen Unterfangen der Weltöffentlichkeit als (noch) schlechter darzustellen, wurden alsbald von kritischen Beobachtern in Anlehnung an Hollywood als "Pallywood" bezeichnet. Eine Filmdokumentation des amerikanischen Historikers Richard Landes, der einige dieser Inszenierungen schonungslos aufdeckte, sorgte für beträchtliches Aufsehen. Die widersprüchlichen Schilderungen des Ablaufs und des Ausmasses des israelischen Bombenangriffs auf Kana vom 30. Juli nähren den Verdacht, dass auch die Hizbollah nicht vor medienwirksamen Inszenierungen zurückschreckt. Die Rede ist neuerdings von "Hizbollywood".
Bedenklich ist insbesondere die unkritische, ja fahrlässige Haltung gewisser internationaler Nachrichten-Organisation, die nicht nur dubiose Bilder als Kriegswahrheit verkaufen, sondern wie jüngst von Reuters zugegeben, sogar eigenhändig Bilder manipulieren. Einem Reuters-Fotografen war der Bombenrauch über Beirut nach einer israelischen Attacke nicht dramatsich und attraktiv genug, was den Mann dazu bewegte, den Rauch (Photoshop sei Dank) auf dem Bild zu vergrössern. Inszenierungen und Manipulationen von Kriegsbildern aus dem Libanon sind eine Schande, die allerdings die effektiven Greueltaten der Hizbollah wie auch der israelischen Armee beinichten relativeren oder gar verharmlosen.

Von Hugo Bigi 23:26 Uhr
Heute feiern wir den 15. Geburtstag des World Wide Web. Inzwischen ist das Internet so alltäglich, dass viele von uns es sich gar nicht mehr vorstellen können, wie es war, damals, ohne das www. Was für die Eidgenossenschaft offenbar die Rütli-Wiese (1291), ist für das World Wide Web eine kleine Industriezone in Genf nahe zur französischen Grenze: das World Wide Web wurde am 6. August 1991 im Genfer CERN erfunden - zwar nicht von einem Schweizer, sondern vom Briten Sir
Tim Berners-Lee. Was soll's - Grund genug zum Feiern, da wir ja auch nicht hundertprozent sicher sind, ob die sagenhaften Gründerväter der Eidgenossenschaft wirklich Schweizer oder doch eher Habsburger oder weiss der Gessler was waren... Wer sich für einen kurzen Rückblick auf die Enstehung des World Wide Web interessiert, die
BBC (wer sonst) hat's: http://news.bbc.co.uk/2/hi/technology/5242252.stm

Von Hugo Bigi 14:48 Uhr
lautet der wortspielerische Titel-Volltreffer einer Glosse über Fussballreporter und Experten, geschrieben von Peter Zeindler und publiziert auf
medienspiegel.ch. Herrlich ironisch und weiss Gott unterhaltender als manches der bisher gezeigten (und reportierten) WM-Spiele. Hopp Zeindler!

Von Hugo Bigi 11:24 Uhr
Drei Männer aus drei Generationen mit drei Gemeinsamkeiten:
1. Alle drei waren sie als Schweizer Fussballer an einer WM - Blerim Dzemaili als vielversprechender (Ersatz)spieler in der aktuellen Köbi-Truppe soeben in Deutschland, Georges Bregy als glorreicher Freistoss-Torschütze an der WM 1994 in den USA und Fritz Künzli als Mittelstürmer an der WM 1966 in England.
2. Alle drei haben sie eine Beziehung zum FCZ - Dzemaili als offensiver Mittelfeldspieler des aktuellen Schweizer Meisters, Bregy als Trainer des FCZ von 2001 bis Frühling 2003 und Fritz Künzli als Glarner Tormaschine in den 60er Jahren.
3. Alle drei sind sie heute zu Gast im TalkTäglich, vergleichen ihre WM-Erfahrungen, analysieren die Leistung und Perspektiven der Schweizer Nati und, natürlich, spekulieren über den WM-Final vom Sonntag.
TalkTäglich, heute live von 18.30h bis 19h (ab 19.30h Wiederholungen). Kommentare zu den drei Mannen, zur Schweizer Nati, zum Final und zur WM allgemein werden in der Live-Sendung telefonisch und in diesem Blog ab jetzt und jederzeit entgegengenommen.